Am Sonntag werden landauf, landab wieder die Mütter von ihren Familien verwöhnt. Es gibt Frühstück ans Bett, Blumensträuße, Brunch mit den erwachsenen Kindern und künstlerisch fragwürdige Werke der Kleinsten. Das ist gut so, denn Mütter tragen in vielen Fällen immer noch die Hauptlast in den Familien. Mütter erziehen die Kinder und arbeiten dafür in Teilzeit. Mütter pflegen die Eltern und Schwiegereltern. Und ehrlich gesagt, haben sie dafür etwas Besseres verdient, als einmal im Jahr Blumen und ein Makkaronibild zu bekommen.

 

„Sie sind unvermittelbar!“ Über diesen Satz rege ich mich immer noch auf. Ich habe Abitur. Zwei Ausbildungen. Fast 20 Jahre Berufserfahrung. Auslandserfahrung. Führungserfahrung. Fremdsprachenkenntnisse. Mich berufsbegleitend weitergebildet. Und zwei Kinder, für die ich den Großteil der Erziehungsarbeit übernehme, ich bin also quasi „Mutti ehrenhalber“. Wegen  der Kinder brauche ich ein gewisses Maß an Flexibilität– und damit bin ich raus. Ich stehe dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Ich bin Vater in der Mütterfalle. Mir geht es also, wie Tausenden von Müttern in diesem Land – und darüber kann ich mich empören! Und zwar nicht meinetwegen. Wir haben zwei Pflegekinder, die naturgemäß einen höheren Betreuungsbedarf haben als viele andere Kinder. Mir war daher klar, dass unsere Entscheidung für die Kinder eine Entscheidung gegen die Karriere ist. Aber wir haben diese Entscheidung bewusst getroffen. Eine wirkliche Entscheidung ist es aber gar nicht, denn in den meisten Fällen kegeln Kinder automatisch einen Elternteil aus dem Erwerbsleben – und meistens sind es immer noch die Mütter.

 

Wir müssen ernsthaft diskutieren über die Flexibilisierung von Arbeit, damit Mütter und Väter Job und Familie miteinander vereinbaren können.  Flexibilität darf aber nicht bedeuten, dass Beschäftigte rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Hier bedarf es starker Gewerkschaften. Ohne diese flexibilisiert sich der Arbeitsmarkt nur weiterhin einzig und allein zum Wohle der Arbeitgeber, des Marktes. Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, aber die Debatte ist gesamtgesellschaftlich zu führen. Auch Arbeitgeber haben hier eine Verantwortung, die über die für die Zukunft ihres Unternehmens hinausgeht. Gleichzeitig muss eine Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit möglich sein, vor allem so lange Teilzeit noch immer das Karriere-Aus bedeutet.  Auch hier ist ein Umdenken gefragt. An dieser Stelle muss die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen. Flexiblere Modelle für Führung können in Zeiten des Fachkäftemangels ganz nebenbei auch den Arbeitgebern nützen. Verbunden mit einem guten Wissensmanagement können innerbetriebliche Kompetenzen breiter aufgestellt werden, von dem dickeren Personalpolster ganz zu schweigen. Wir brauchen  aber auch und vor allem solidarische Männer, die in Eltern- und Teilzeit gehen und sich ihren Familien widmen. Wenn „Frau“ nicht mehr bedeutet „die wird schwanger und fehlt dann dauernd wegen ihrer Kinder“ und „Mann“ naturgemäß in Vollzeit Karriere macht, eröffnen sich natürlich für Frauen ganz neue Möglichkeiten. Die erste Generation „emanzipierter Männer“ muss dann vielleicht akzeptieren, dass andere Männer oder gar – Horror – kinderlose Frauen an ihnen vorbeiziehen, aber diese Courage darf man vielen modernen jungen Männern zutrauen.

 

Wenn wir den Vätern eine echte Chance auf Teilhabe an der Erziehungsarbeit geben wollen, dann muss außerdem die Lohnlücke geschlossen und mit der geschlechtsspezifischen Diskriminierung Schluss gemacht werden. Denn so lange Papa 20 % mehr verdient als Mama, wären die beiden ja bescheuert, wenn Papa in Teilzeit geht. Das ist weder Frauen, noch Männern oder den Kindern gegenüber fair.

 

Papa geht natürlich auch nicht in Teilzeit, weil Mama ganz oft in einem „Frauenberuf“ arbeitet, als Erzieherin oder in der Pflege, in Einzelhandel, Gastronomie oder in Dienstleistungsberufen wie Friseurin oder Floristin. Sogenannte Frauenberufe, insbesondere  die Sorgeberufe, sind anfällig für geringe Bewertung, geringe Bezahlung und hohe Belastung. Dies stellt eine Entwertung dar, die historisch nachvollziehbar, aber nicht hinnehmbar ist. Was sagt das über unseren Respekt gegenüber den Sorgenden aus, egal ob Frau oder Mann? Was sagt das über unseren Respekt gegenüber den Versorgten aus, egal ob Kinder, Alte oder Kranke?

 

Klar ist auch, wer wenig verdient, kann sich Teilzeit gar nicht leisten. Viele Mütter haben also gar nicht die Wahl, ob sie ihre Arbeitszeit reduzieren wollen – sie können nicht, weil ihr Gehalt hilft, den Familienunterhalt zu sichern. Vor die Wahl gestellt bleibt dann für Alleinerziehende oft nur noch das Aufstocken, vulgo Hartz IV. Eine flächendeckende, kostenfreie, qualitativ hochwertige und auch zeitlich den Bedürfnissen der  Familien angepasste Kinderbetreuung wäre eine Antwort. Der Wille hierzu ist vielfach da, doch es fehlen die Erzieher. Eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen helfen nicht nur den Frauen und Männern in den Kitas, sondern auch den Kindern und ihren Eltern. Eine Hilfe wären auch ausgeweitete Betreuungszeiten. Einer alleinerziehenden Krankenschwester oder Kassiererin nützt ein Kindergarten oder Hort, der um 15:30 Uhr schließt erst einmal gar nichts. Und so wundern wir uns über fehlendes Pflegepersonal, wenn wir es weiterhin schlecht bezahlen, übermäßig belasten und nach der Familiengründung zumindest zeitweise aus dem Arbeitsleben drängen.

 

Gerade Familien hilft außerdem bezahlbarer Wohnraum. In den Ballungsräumen liegen die Wohnkosten bei z.T. über 30 % des Einkommens – mit der Familie in eine größere Wohnung ziehen oder zum Wohle der Familien Stunden reduzieren sind da höchstens Wunschdenken. Die logische Konsequenz der Landflucht schafft neue Probleme. Pendeln verlängert den Arbeitstag, schafft neue Kosten, mehr Verkehr, noch weniger Zeit für die Familie – doch in den ländlichen Regionen fehlen die Arbeitsplätze.

 

So viele Themen. So viele Probleme. Und immer wieder kommen diese bei den Familien an. Eigentlich ist das Logisch: die Familien – egal ob Mutter/Vater/Kind, Alleinerziehend, Patchwork oder Regenbogen – sind Keimzelle und Rückgrat unserer Gesellschaft. Jedes Problem betrifft daher auch unsere Familien. Alle Politik ist also Familienpolitik. Wir haben also viele Stellschrauben, mit denen wir die Situation der Familien verbessern könnten. Unsere Familien, unsere Kinder, Väter und Mütter haben es verdient, dass wir auch den Mut finden, dies zu tun. Dann müssen wir am Muttertag auch irgendwann kein schlechtes Gewissen mehr haben. Dann sind die Blumen nur noch das, was sie sein sollten: Eine liebevolle Geste der Zuneigung und Anerkennung. Und wenn wir wissen, dass die Floristin anständig bezahlt wird, stört es uns auch nicht mehr so sehr, dass die Blumen an solchen Tagen gefühlt immer etwas teurer sind.

 

Alles Liebe zum Muttertag!