Die SPD-Fraktion im Rat der Hansestadt Stade begrüßt grundsätzlich das Eintreten der Jobelmannschule
für die Stadt als so genannte „Fair Trade Town“. Gleichwohl gibt es aus Sicht unserer Fraktion
noch kritische Fragen, die auch in der Auftaktveranstaltung vom 31.05.2012 im Stader Königmarksaal
vom Fraktionsvorsitzenden Kai Holm gestellt, aber noch nicht zufriedenstellend beantwortet wurden.
Dazu im Folgenden die wesentlichen Anmerkungen, über die trotz aller Freude hinsichtlich des
Engagements der Schülerinnen und Schüler zumindest zu diskutieren sein wird.
 Ein Kritikpunkt am fairen Handel ist die oft fehlende Transparenz der Preiszusammensetzung von
Produkten des fairen Handels: Für den Verbraucher ist oft nicht genau nachzuvollziehen, wer in
der Wertschöpfungskette welchen Anteil an den Mehrpreisen erhält. Die Preisdifferenz fair
gehandelter Produkte im Vergleich zu konventionell gehandelten ist oft deutlich höher als der
Mehrbetrag, den die Produzenten erhalten – der übrige Teil werde teils von Einzelhändlern
abgeschöpft, teils mit den Verwaltungs- und Kontrollkosten der Organisationen erklärt, was jedoch
von außen schwer nachzuprüfen ist.
 Aus ökonomischer Sicht ist anzumerken, dass der Preis nicht mehr durch wertfreie Preisbildungsmechanismen
gesteuert wird, sondern von Organisationen festgesetzt wird. Da ein „gerechter“
Preis nicht objektiv feststellbar sei, ist der festgesetzte Preis willkürlich. Weiterhin besteht die
Gefahr von Korruption und Ineffizienz, weil der Erfolg der Produzenten nicht länger von ihrer
Produktivität, sondern von der Mitgliedschaft in einer fairhandels-zertifizierten Organisation
abhängt.
 Der Faire Handel kann ein Instrument der Wohltätigkeit sein, das Bauern einen Anreiz setze, ihre
armutsfördernde Produktion fortzusetzen. Die Bewegung reflektiert ein antimodernes Idyll, da die
Farmen klein und familienbetrieben sein müssen und moderne Agrartechnologien wie
Mechanisierung, Skalenerträge, Pflanzenschutzmittel und Gentechnik vernachlässigt und sogar
aktiv vermieden werden.
 Auch wird der Begriff fairer Handel als solcher kritisiert. Diese Bezeichnung impliziert, jeglicher
andere Handel sei unfair, sowohl im Außen- wie im Binnenhandel. Auf diese Weise würden nicht
nur alle Hersteller, die nicht fairhandelszertifiziert sind, benachteiligt und geschädigt, sondern auch
und vor allem jeder Händler, der keine Fairtrade-Artikel führt, diskriminiert. Auch der Referent
Hendrik Meisel sprach am 31.05.2012 von „unfair gehandeltem Kaffee“.
Aufgrund der vom Fair-Trade-Vertreter Meisel unter Ausblendung jeglicher kritischen Aspekte sehr
souverän durchgeführten Veranstaltung mag eine gewisse Euphorie zur Zertifizierung entstehen. Da
man allerdings mit dem zweiten Blick bekanntlich besser sieht, sollte wenigstens eine Diskussion aller
Aspekte erfolgen, bevor es zu einem entsprechenden Ratsbeschluss kommt.
Kai Holm
Fraktionsvorsitzender